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Natur(a) erfahren im Erzgebirge

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Natur(a) erfahren im Erzgebirge

Teil 2: Natur(a) erfahren im Erzgebirge

Stollmühlengrund Stützengrün
Sonnenaufgang im Stollmühlengrund im FFH-Gebiet
„Bergwiesen bei Schönheide und Stützengrün“

Einleitung

„Wissenschaft genügt nicht um die Sprache der Natur zu verstehen. Für viele Menschen sind Poesie und Kunst verständlichere Dolmetscher der Natur als die Wissenschaft. Und der Lehrer, der an das Gefühl appelliert, kann seinen Schülern die großen Dinge der Natur näher und jene in ein lebendigeres, wachsendes Verhältnis zu denselben bringen ... So verstanden, ist es ein schöner Gedanke, daß den Winter der rein verstandesmäßigen naturwissenschaftlichen Aufklärung ein sonniger Frühling der Naturfreude und Naturbefreundung vertreiben könnte, in dem der blütenreiche Kranz von körperlichem und gemütlichem Erleben und von Gedanken, den wir Naturgenuß nennen, von immer mehr Menschen in allen Ländern und zu allen Tagen und immer kundiger gewunden würde;“
Friedrich Ratzel (1844-1904), „Über Naturschilderung“

Merkwürdig aktuell sind diese Worte, die der Geograph Friedrich Ratzel vor über einem Jahrhundert im Vorwort zu seinem Buch „Über Naturschilderung“ gewählt hat. Wir haben uns im ersten Teil der Broschüre ausführlich mit dem „denkenden Wanderer“ beschäftigt und festgestellt, dass solide fachliche Kenntnisse über die Tier- und Pflanzenwelt und die ökologischen Zusammenhänge den Aufenthalt in der Natur durchaus bereichern können, dass es aber allein damit oft nicht getan ist, dass wir noch zusätzlich den sonnigen Frühling der Naturfreude und Naturbefreundung brauchen, von dem wir aber heute wahrscheinlich weiter entfernt sind als zu Friedrich Ratzels Zeiten.

Diesen Aspekt der gefühlsmäßigen Beteiligung an den Phänomenen der Natur wollen wir in den Mittelpunkt des zweiten Teiles der Broschüre stellen. Dazu holen wir uns Verstärkung und Rat in der Literatur. Wir haben einige, so glauben wir, sehr eindrückliche Literaturzitate dazu herausgesucht, wie verschiedene Dichter und Denker Natur und Landschaft wahrgenommen und beschrieben haben. Sie haben in der Regel keinen direkten Bezug zum Erzgebirge, treffen aber wegen ihrer Allgemeingültigkeit natürlich auch für dieses zu. Die begleitenden Fotos allerdings stammen alle von hier und sollen die Literaturauszüge untermauern und illustrieren.
Wir betreten hier ein sehr weites Feld mit langer Tradition und beginnen mit dem amerikanischen Philosophen und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, der neben seinem Schüler Henry David Thoreau den bedeutendsten amerikanischen Beitrag zum Verhältnis des Menschen zur Natur geleistet hat und das bis heute:
„Dem aufmerksamen Auge erscheint jeder Augenblick des Jahres in seiner eigenen Schönheit, und es erblickt in der gleichen Gegend zu jeder Stunde ein Bild, das noch niemals zuvor gesehen werden konnte und niemals wiederkehren wird. Der Himmel verändert sich fortwährend und taucht die Erde unter ihm einmal in Glanz und einmal in Düsterkeit. Der Stand der Aussaat auf den Farmen ringsumher verändert das Antlitz der Erde von Woche zu Woche. Die Blütenfolge der heimischen Pflanzen auf Wiesen und am Wegesrand, diese stille Uhr, die die Stunden des Sommers anzeigt, wird einem scharfen Beobachter sogar den Ablauf einzelner Tage offenbaren. Die Schwärme der Vögel und Insekten sind wie die Pflanzen pünktlich zu ihrer Stunde, sie folgen einander, und der Jahreskreis bietet für sie alle genügend Raum.“
Ralph Waldo Emerson (1803-1882), „Natur“

Ein Ort wandelt sich ständig, von einer Sekunde auf die nächste sozusagen, je nach Jahreszeit, Tageszeit, Wolkenbild etc. Das ist eigentlich ein Allgemeinplatz, aber am Ende ist der Zeitpunkt und sind die Umstände, unter denen wir uns in einer Landschaft aufhalten, doch maßgeblich dafür verantwortlich, welchen Eindruck ein Stück Natur, ein Stück Landschaft in uns zurücklässt, bewusst, aber auch unbewusst.
Hinzu kommt, dass zu einem Ort in der Landschaft ja nicht nur das gehört, was man dort vor Augen hat. Er ist nicht nur eine Sehenswürdigkeit, sondern zugleich auch eine Riechwürdigkeit und Hörwürdigkeit. Zudem kann man versuchen, Teile von ihm zu erschmecken und zu ertasten. Was dabei den stärksten Eindruck hinterlässt und man vor allem in Erinnerung behält, das dürfte von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein.
Natur erleben mit allen Sinnen ist wieder etwas mehr in Mode gekommen und das hat in vielen Fällen nicht das Geringste mit Esoterik zu tun. Die Wahrnehmung der Natur sollte durchaus über den reinen Verstand hinausgehen und es kann sehr lehrreich und bereichernd sein zu erfahren, wie sensible und aufmerksame Beobachter, und diese Eigenschaften dürfen wir den folgenden Zitatgebern ausnahmslos zugestehen, Natur und Landschaft wahrgenommen haben.
Um nicht mehr und nicht weniger soll es auf den folgenden Seiten gehen. Und natürlich hoffen wir auch, dass die Zitate neugierig machen, mehr über die Autoren und ihre Werke zu erfahren, um die Begegnung mit ihnen zu wiederholen und zu vertiefen. Das ausführliche Quellen- und Literaturverzeichnis soll dabei behilflich sein und wir können versichern, dass sich wahre Schätze darunter finden lassen.

„Ähnlich ist es mit der ‚Erfahrung‘. Wir können eine Landschaft nicht verinnerlichen, wenn wir sie nur sehen. Wir müssen uns in ihr bewegen, sie unter veränderten Blickwinkeln fühlen, hören, riechen, schmecken. Erfahrung wird somit ganzheitlich, der ganze Mensch ist beteiligt.“
Hans Hermann Wöbse, „Landschaftsästhetik“

Auch die Art der Bewegung in der Landschaft spielt eine ganz entscheidende Rolle, darüber haben wir ja schon einiges gehört. Es kann schön, ereignisreich und interessant sein, im Zug oder Auto durch eine Landschaft zu fahren, aber die Begegnung mit ihr wird dabei immer eher flüchtig und oberflächich bleiben. Selbst auf dem Rad bleiben viele Dinge unbemerkt. Natürlich wird der zu „bewältigende Raum“ erheblich umfangreicher, aber das ist kein gleichwertiger Ersatz. Die wirklich „landschaftsgerechte“ Art der Fortbewegung ist das Wandern oder besser das langsame Wandern, das Gehen im menschlichen Maß, das Spazieren, das wird wahrscheinlich niemand in Zweifel ziehen. Nur so kann man Dinge erleben, wie sie Fridolin Stier, ein deutscher katholischer Theologe und Sprachkünstler erster Güte, erlebt hat:
„Früh eine Stunde im Buchenwald. Am Weg entlang die Bäumchen, junge Buchen und Eichen, die ich hab‘ wachsen sehen vom ersten Knospen an, im warmen März, die Sträucher, die Kräuter; und verweilend, darüberstreichelnd, die hochgeschossenen Gräser, Reihgras, Wiesenschwengel, und die von der ersten Rosette der Blätter an beobachteten Disteln, jetzt zum Teil übermannshoch aufgeschossen, noch blühend einige, andere schon die weißen ‚Samenbärte‘ tragend – all dem wie oft schon Gesehenen, Betrachteten entlang und doch, wie fast immer, als sähe ich’s zum erstenmal …
Und wieder ist mir zumute wie einem, dem ein bekanntes Gesicht begegnet, das sich, ohne sich optisch zu ändern, in ein Anderes, ganz und gar Fremdes verwandelt – es ist, als ob ich noch ein ‚Auge‘ hätte, ein ‚inneres‘, irgendwie sinnenhaftes, aber mehr ‚fühlendes‘ Organ, das – im Vorfeld jeder Sprache – das Anwesen – die Gegenwart des/ eines unbenennbaren Wirklichen wahrnimmt.“
Fridolin Stier (1902-1981), „An der Wurzel der Berge“

„Buchenwälle“ in Bockau
"Buchenwälle" in Bockau