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Natur(a) erfahren im Erzgebirge

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Teil 1: Das Erzgebirge als Landschaft / Einleitung »

Berge »

Der Pöhlberg »

Pflanzen und Tiere »

Gimpel »

Teil 2: Natur(a) erfahren im Erzgebirge / Einleitung »

Pflanzen und Tiere »

Ausklang »

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natur(a) erfahren im Erzgebirge

Bereifte Blätter

Ausklang

„So wurde in Tat und Wahrheit ein lebensnotweniges Gleichgewicht zerbrochen, das auf der Verbindung und Verständigung aller Geschöpfe untereinander beruhte. Unter den letzten Konsequenzen dieses Bruchs leiden wir heute. Die einst so offene Menschheit hat sich mehr und mehr in sich selbst eingeschlossen. Diese absolute Anthropozentrik kann außerhalb des Menschen nur noch Objekte wahrnehmen. Die ganze Natur ist dadurch entwertet, erniedrigt. Einst war im Naturganzen alles bedeutsam und zeichenhaft, und sie selbst hatte Sinn und Bedeutung, die jeder in seinem Innern fühlte. Weil er die Natur verloren hat, zerstört sie der Mensch heute und verurteilt sich damit selbst.“
Jacques Brosse (1922-2008), „Mythologie der Bäume“, 1990

„Natur im ursprünglichen Sinne ist in freier Wildbahn kaum noch anzutreffen, allenfalls als Demon-
strationsobjekt in kostenaufwendig geschützten Relikt-Reservaten. Großflächig nur innerhalb einer bearbeiteten, durchgewalkten Landschaft als Nutzfläche, die Ertrag abzuwerfen hat. Natur kann nur einen Aspekt unter anderen in meiner Landschaft einnehmen. Da es sich um ein Terrain handelt, das vorwiegend agrarisch genutzt wird, gilt es vielen als blanke Natur. Was nicht wundernehmen muß, wo doch die Bescheidung so weit geht, jeden Grashalm, der zwischen Pflastersteinen sprießt, jeden noch so kümmerlichen Streifen Anstandsgrün als Natur gelten zu lassen.

Zur Eigenart agrarischer Gefilde, in denen sich spätfeudale Besitzverhältnisse bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehalten hatten, kamen in meinem Fall extrem altmodische Lebensformen als Erlebnisgrund hinzu, wie sie sich andernorts längst

Landwirtschaft früherFoto: Archiv des LPV "Mittleres Erzgebirge"

überlebt hatten. Eingeschränkte Mobilität, kleingekammertes Raumgefühl stärkten territoriale Verbundenheit und intensivierten Kommunikationsmöglichkeiten mit all ihren Vorzügen und Schattenseiten. Die Aufnahme dieser kleinen Welt verführte regelrecht zu detaillierter Weltwahrnehmung. In dieser vorindustriellen Reliktlandschaft bildeten Dörfer, zumindest solange meine Kindheit währte, noch weitgehend in sich ruhende, annähernd autarke Lebensgemeinschaften. Während sie danach innerhalb weniger Jahrzehnte einem galoppierenden Prozeß der Auflösung bäuerlicher Funktionalität unterworfen waren, der zur Anonymisierung führte, zur industriellen Abkapselung, so daß ich heute die mir vertrauten Dörfer wie ausgestorben, wie scheintot, als reine Schlaforte vorfinde. Vielerorts zerdrücken angeklebte, uniformierte Neubausiedlungen die historisch gewachsenen Siedlungsstrukturen. So wie ethnische Minderheiten mit ihrer Sprache und Eigenkultur von egalisierender Globalisierung und Verniemandung geschluckt, aufgesogen und damit zerstört werden, gerieten auch die sprachlichen Besonderheiten, die mir mitgegeben wurden, außer Gebrauch. Parallel zu dem verbalen Plattmachen verläuft auch der Artenschwund. Flora und Fauna werden auf Rückzugsgebiete verwiesen, während ringsum dem Flächenfraß nicht Einhalt geboten wird. All das läßt sich Roten Listen und Statistiken entnehmen, ohne daß ernsthaft Konsequenzen gezogen würden. Erst kürzlich konnte aus stolzgeschwellter Brust eines Ingenieurs für Holztechnik verkündet werden, der letzte freilaufende Schwarzwaldhirsch sei erlegt zum Wohle des Waldes, der ohnehin überall nur noch forstwirtschaftlich betriebener Baumbestand ist.
Bereits Herder prophezeite die ‚Auslöschung der Nationalcharaktere‘. Heinrich Heine sah bereits 1843 voraus, durch die Eisenbahn werde der Raum getötet und es bleibe nur die Zeit übrig. Und auch die ist inzwischen immer knapper geworden. Bedeutungsverlust des Raumes führt unweigerlich zum Verlust der Mitte. So wichtig zur Kräfteerneuerung die Ränder sind, die Möglichkeiten menschlicher Existenz, von so vielen Faktoren abhängig, drohen außer Kontrolle zu geraten. Solange für unabdingbar gehalten wird, einem ewigen linearen Fortschrittsprinzip zu folgen, dem außer Produktionssteigerungsraten nichts einfällt, die mit einer Ressourcenverschwendung auf Kosten nachfolgender Generationen und großer Teile der Weltbevölkerung einhergeht, läuft dies unweigerlich auf Selbstzerstörung hinaus. Wohl gibt es Stimmen, die für eine Einordnung in natürliche Zyklen und Zirkulationen plädieren, was ein Denken und Handeln in Kreisläufen voraussetzte. Aber in praxi gibt es für ein solches Umdenken nicht einmal Ansätze. Angesichts einer derart dunklen Grundierung kann eben Landschaft als menschlicher Lebensraum kein nebensächliches Thema sein, dem vornehmlich rückgewendete Intentionen unterstellt werden.“
Wulf Kirsten, „Brückengang“

Das ist noch einmal schwere Kost, die wir hier vorgesetzt bekommen, von Jacques Brosse, einem französischen Historiker und Religionsphilosophen, und von Wulf Kirsten, einem deutschen Lyriker und Prosaisten, geboren 1934 in Kipphausen bei Meißen und seit einigen Jahrzehnten in Weimar wohnend und arbeitend. Aber wir haben ja jetzt viel Zeit zum „Verdauen“, denn wir sind am Ende angelangt, am Ende dieser Reise durch Natur und Landschaft des Erzgebirges in Wort und Bild. Die eigentliche Reise, die Reise durch das Gebirge in natura, sollte jetzt beginnen. Wir hoffen, wir konnten Ihnen einige Anregungen dazu geben und vielleicht sehen Sie diesen Landstrich jetzt mit anderen Augen, haben einen etwas anderen Blick auf die Vielfalt, Eigenart und Schönheit dieses Gebirges und seine Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt. Die beiden pessimistischen, ein wenig zu Boden drückenden Zitate, das müssen wir der Ehrlichkeit halber zum Abschluss schon noch sagen, gelten für das Erzgebirge ebenso wie für weite Teile der Welt. Wenn wir nicht in der Lage sind, die „Natur wiederzufinden“, die Bewahrung bzw. Wiederherstellung einer einigermaßen intakten Landschaft und den Schutz der in ihr lebenden Pflanzen und Tiere endlich ernst zu nehmen, dann sind wir verloren.

Schottische Hochlandrinder

Sonnenaufgang