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Natur(a) im Erzgebirge

Allgemeiner Teil:
Natur(a) und Landschaft des Erzgebirges/Westerzgebirges

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Das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000 »

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Natur(a) im Erzgebirge

Allgemeiner Teil:
Natur(a) und Landschaft des Erzgebirges/Westerzgebirges

Das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000

Orangerotes HabichtskrautOrangerotes Habichtskraut

„Die Liebe zur Pflanze ist auch Ausdruck des Mitgefühls angesichts ihrer Wehrlosigkeit bei der Vernichtung ihres Lebensraumes; die Achtung resultiert aus der Kenntnis ihrer Geschichte. Liebe und Achtung sind die Grundlagen für den Artenschutz; Forschungen und Administration sind ihnen untergeordnet.“
Werner Hempel (1936-2012), „Die Pflanzenwelt Sachsens von der Späteiszeit bis zur Gegenwart“, 2009

Gleich zu Anfang wollen wir noch einmal klarstellen, warum diese Internetseite „Natur(a) im Erzgebirge“ und nicht „Natur im Erzgebirge“ heißt. Dies hängt damit zusammen, dass Entwicklungen wie die Globalisierung und Europäisierung auch vor dem Naturschutz nicht Halt machen. Etwa 60 Prozent der nationalen Gesetzgebung fußen mittlerweile auf Vorgaben der EU, im Natur- und Umweltschutz gehen sogar fast 80 Prozent der aktuellen Gesetze auf die EU zurück.
Ein wesentliches Ergebnis dieser Entwicklung ist auch das europäische Schutzgebietsnetz Natura 2000, das wir im Grunde genommen als die moderne, derzeitige Form betrachten können, wenigstens einen Teil der noch vorhandenen Besonderheiten und Eigenheiten von Natur und Landschaft in Europa zu schützen und zu erhalten - oder zumindest als den Versuch hierzu. Dabei sind diese neuen Schutzgebiete natürlich nicht vom Himmel gefallen. Ihre Basis bilden die besonders wertvollen Lebensräume der jeweiligen Regionen, die zum Teil auch bisher schon unter Schutz standen und auch weiterhin stehen, als Naturschutzgebiete, Flächennaturdenkmale, geschützte Biotope etc.

NSG "Wettertannenwiese"
Naturschutzgebiet "Wettertannenwiese bei Schwarzenberg"

Auch finanzielle Aspekte spielen eine Rolle. Bekanntlich geht nichts - oder zumindest nicht viel - ohne Geld, auch im Naturschutz nicht, und das kommt mittlerweile zum großen Teil aus Brüssel. Zunehmend schwierig ist es deshalb, Naturschutzprojekte zu finanzieren, wenn sie nicht in irgendeiner Form mit Natura 2000 in Verbindung stehen.
Das alles mag man gut finden oder nicht, jedenfalls ist Natura 2000 innerhalb weniger Jahre zum wichtigsten Mittel des Flächen- und Artenschutzes geworden. Es kann also nicht schaden, ein klein wenig darüber zu wissen, auch wenn das etwas trockener Soff ist:

Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union besitzen ein ungemein reiches Naturerbe. Schon in den 15 Staaten des „alten Europa“ gibt es mehrere Tausend Lebensraumtypen, in denen unter anderem 150 Säugetier-, 520 Vogel-, 10.000 Pflanzen- und über 100.000 Wirbellosenarten leben. Durch den Beitritt von 10 Staaten im Jahr 2004 und weitere Beitritte in den letzten Jahren hat sich diese Bilanz noch einmal erheblich erhöht. Aber dieser Reichtum ist gefährdet. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat die Intensivierung in vielen menschlichen Betätigungsfeldern zur Zerstörung und Zerstückelung bzw. Beeinträchtigung vieler Lebensräume und damit zu einem drastischen Rückgang zahlreicher Arten, auch von einstigen „Allerweltarten“, geführt. Einige Arten sind unwiederbringlich verloren. Natürliche Lebensräume und auch sogenannte „naturnahe“ Lebensräume sind zunehmend rar geworden.
Deshalb bemüht man sich von Seiten der Europäischen Union unter dem Namen „Natura 2000“ ein ökologisches Netzwerk von ausgewählten, wertvollen Gebieten zu schaffen, um die biologische Vielfalt zu erhalten und typische europäische Natur- und Kulturlandschaften zu bewahren. Dazu wurden zwei Richtlinien erlassen. Die „Vogelschutzrichtlinie“ (1979) dient speziell dem langfristigen Schutz und Erhalt wildlebender Vögel und deren Lebensräumen. Für 181 Vogelarten, die auf Grund ihres geringen Bestandes bzw. ihrer begrenzten Verbreitung bedroht sind, gelten besondere Schutzmaßnahmen. In der „Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie“ (1992) wurden 200 besonders gefährdete Lebensraumtypen sowie rund 200 Tier- und über 500 Pflanzenarten von gemeinschaftlicher Bedeutung benannt, für die von den Mitgliedsstaaten Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen. Hierbei handelt es sich um Lebensraumtypen, deren Verbreitungsgebiet sehr klein oder stark zurückgegangen ist (Moore, Heiden etc.) bzw. um für die sechs biogeographischen Regionen Europas außerordentlich repräsentative Lebensräume. Unter den aufgeführten Lebensraumtypen befinden sich sowohl natürliche Lebensräume, für die eine weitgehend vom Menschen unbeeinflusste Entwicklung anzustreben ist, als auch naturnahe Lebensräume, die auf eine regelmäßige, aber extensive Nutzung angewiesen sind. Für besonders gefährdete (prioritäre) Lebensräume und Arten müssen besonders dringliche Schutzmaßnahmen getroffen werden.
Die Ausweisung von FFH-Gebieten ist mit bestimmten Anforderungen verbunden, für deren Einhaltung die Mitgliedsstaaten verantwortlich sind. Beispielsweise muss eine Verschlechterung der Gebiete verhindert, Bewirtschaftungspläne erarbeitet und bei bestimmten Vorhaben FFH-Verträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden.
Bei der Bewirtschaftung von FFH-Gebieten sollen die Fischer, Forst- und Landwirte als Partner des Naturschutzes gewonnen werden. Dazu stehen von der EU kofinanzierte Förderprogramme zur Verfügung. Die Ausweisung von FFH-Gebieten kann also auch mit finanziellen Vorteilen für die in der Region arbeitenden Menschen verbunden sein.
Detaillierte Informationen zu Natura 2000 und zu allen FFH- und Vogelschutzgebieten in Sachsen finden Sie auf der Internetseite von Sachsen: www.umwelt.sachsen.de/umwelt/natur/natura2000/.

Man kann Natura 2000 eine gewisse Erfolgsgeschichte nicht absprechen. Die Flächenbilanz der unter Schutz stehenden Gebiete hat sich beträchtlich erhöht, in Deutschland machen sie 15 Prozent der Landesfläche aus. Erfolge im Biotop- und Artenschutz sind nicht zu übersehen, bei Biber, Kranich, Fledermäusen beispielsweise, und gehen im hohen Maße auch auf das Konto von Natura 2000.
Allerdings ist das Schutzgebietsnetz noch nicht dort, wo es eigentlich hin müsste. Es ist nicht zu übersehen, dass Natura 2000 naturgemäß auch seine Schwachstellen hat und nicht die alleinige Lösung für den Naturschutz sein kann und darf. Dazu sind die Entwicklungen in der Landnutzung viel zu rasant. Schutzbemühungen über einen derartig bürokratischen Überbau können da einfach nicht schnell genug reagieren. Während Wolf, Luchs, Schwarzstorch usw. wieder Boden gewinnen, machen sich Rebhuhn, Kiebitz, Wiesenpieper und wie sie alle heißen, bei uns aus dem Staub. Diese sind unter den gefährdeten Vogelarten der Vogelschutzrichtlinie nicht einmal aufgeführt. Kein Wunder, die stammt aus dem Jahr 1979 und wurde seitdem nicht wesentlich verändert. Da sah die Welt noch anders aus. Und auch heute noch gibt es an einigen Stellen in Europa stattliche Populationen von Rebhuhn, Kiebitz oder Wiesenpieper. Das kann uns aber kein Trost sein und erst recht keine Entschuldigung dafür, dass die Bestände hier vor die Hunde gehen. Wir müssen unsere „eigenen Kinder“ trotzdem retten, das ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit und wenn die Zeit drängt und wenn die Wege über Natura 2000 zu weit, zu bürokratisch und zu unflexibel sind, dann muss eben auf Bundes- und Landesebene schnell reagiert werden. Aber es kommt einem manchmal so vor, als hätte man bestimmte Arten schon abgeschrieben, die Hände gehoben vor der Übermacht der Intensivierung, als bemühe man sich nur noch der Form halber um die Vögel der Feldflur. Das Rebhuhn ist dafür ein trauriges, vielleicht das traurigste, Beispiel für unsere Vernichtungskunst. Vor reichlich einem halben Jahrhundert schaute es noch hinter jedem Gras- oder Getreidehalm hervor. Nach dem 2014 erschienenen Brutvogelatlas von Sachsen soll es 1978-1982 noch 3.000-5.000 Brutpaare, 1983-1996 1.500-3.000 Brutpaare und im Kartierzeitraum 2004-2007 noch etwa 200-400 Brutpaare gegeben haben. In einer weiteren Untersuchung von 2009 bis 2013, die parallel zu einem Bodenbrüterprojekt in Sachsen stattfand, sollen es nur noch 150-200 Brutpaare sein. Wenn Sie diese Zeilen lesen, werden es noch weniger sein, denn verbessert hat sich nichts und es ist auch keinerlei Licht am Horizont zu sehen. Die Ausführungen im Brutvogelatlas von Sachsen zum Bestand enden mit der ernüchternden Formulierung: „… wird die Situation weiter verschlechtern, so dass in absehbarer Zeit mit dem Aussterben des Rebhuhns in Sachsen zu rechnen ist.“ Es wird vielleicht nicht mehr lange dauern, bis das letzte „Girrhäck“ in den sächsischen Fluren verhallt ist, obwohl das eigentlich nicht sein müsste, wie wir an späterer Stelle noch sehen werden.
Weiteren Arten wie Wiesenpieper, Bekassine, Kiebitz und anderen Feld- und Wiesenvögeln ergeht es ähnlich schlecht. Man kümmert sich geradezu rührend um den Wolf und das natürlich mit Berechtigung. Aber zuweilen schleicht sich der Gedanke an, dass er sich in unserer Landschaft mittlerweile fest etabliert und unsere Hilfe bei weitem nicht mehr so nötig hat wie das Rebhuhn und andere Arten der Feldflur. Würde man sich mit gleicher Hingabe und ähnlichem personellen und finanziellen Engagement um das Rebhuhn kümmern, hätte es vielleicht eine Chance. Aber auch im Naturschutz gibt es die spektakulären Arten und die „grauen Mäuse“, nach denen leider kein Hahn kräht.

Die europäische Umwelt- und Naturschutzpolitik muss sich wohl oder übel bis heute ihre weitgehende Ohnmacht im Bereich der Landwirtschaft vorwerfen lassen. Die schon seit Jahrzehnten laufenden Versuche zu einer Neuausrichtung der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik sind völlig unzureichend und scheitern zudem immer wieder mit schöner Regelmäßigkeit an mächtigeren Interessen. Die erschreckenden Rückgänge bei den Arten der Feldflur sprechen hier eine grausame und eindeutige Sprache. Dadurch bekommt, wenn wir ehrlich sind, die sogenannte Erfolgsgeschichte des europäischen Naturschutzes zumindest einen bitteren Beigeschmack.
Sind die Arten der Feldflur etwa die „Bauernopfer“ des europäischen Natur- und Artenschutzes und zwar im wahrsten Sinne des Wortes?

RebhuhnRebhuhn / Foto: Jan Gläßer, Grießbach