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Biologische Vielfalt im Westerzgebirge
Ausflug 8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Biologische Vielfalt im Westerzgebirge

Ausflug 8: Rolava/ Sauersack
Von Menschen verlassen, von Tieren „bevölkert“

„In diesem Zusammenhang erzählte ich Frantisek von meinen Beobachtungen, die ich im vergangenen Jahr bei einem Besuch in meiner alten Vaterstadt gesammelt hatte. Als ich die Stadt nach mehr als zwanzig Jahren wiedersah – es war ursprünglich ein rein deutsches Gebiet, das nach 1945 von Tschechen und Slowaken besiedelt wurde –, mußte ich feststellen, daß sich der nationale Charakter des tschechischen Volkes nicht nur auf die Häuser, auf die Straßen und Plätze, sondern auch auf die umliegenden Dörfer übertragen hat. In tausend kleinen Dingen zeigte sich das andere Wesen dieser Menschen. Die neue Sprache drang in die Fugen der alten Häuser ein, die ersten kleinen architektonischen Veränderungen im Stadtbild wurden vollzogen, Plastiken und Gedenksteine ausgewechselt, eine andere Lebensform breitete sich aus. Ein solcher Prozeß vollzieht sich nicht von heute auf morgen, es dauert Jahrzehnte, ehe er für das menschliche Auge, für den aufmerksamen Beobachter sichtbar wird. Der Charakter eines Volkes aber verändert nicht nur das Gesicht einer Stadt, sondern auch das Fluidum einer Landschaft. Obwohl die Berge meiner Heimat noch immer an ihrer alten Stelle stehen, hat die Landschaft heute bereits eine andere Aura angenommen.“
Hanns Cibulka (1920-2004), „Thüringer Tagebücher"

Sauersack

Foto: Matthias Scheffler

Sauersack früher

Sammlung Ulrich Möckel

Ein Dorf im eigentlichen Sinne sollte man an diesem Ort auf dem Kamm des böhmischen Erzgebirges nicht mehr erwarten, denn es steht nur noch ein einziges Haus, die ehemalige Post, die mangels anderer Möglichkeiten nun geradezu automatisch eine Art Dorfzentrum darstellt und derzeit sogar einen neuen Besitzer gefunden hat, der sich an die Renovierung macht, was immer da letztendlich entstehen mag. Die in der Nähe befindlichen vier weiteren Häuser gehören nämlich schon zu Prebusz/ Frühbuß, dem Nachbarort. Die Flurgrenze bildet das Flüsschen Rolava, nach dem der Ort seinen Namen trägt.
Sauersack hatte schon bessere Zeiten, jedenfalls als Dorf, wie auf dem nebenstehenden Bild unschwer zu erkennen ist. Kaum zu glauben, aber im Jahr 1910 lebten hier 1162 Einwohner in 190 Häusern. 1945/46 wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben und damit war das Schicksal des Ortes so gut wie besiegelt. 1961 lebte schon niemand mehr hier.
Heute entdeckt man vom ehemals stattlichen Dorf nur noch wenige Reste von Grundmauern. Selbst die uralten Obstbäume, die lange Zeiten hindurch unentbehrlich für die menschliche Ernährung waren und von denen einzelne vergreiste Exemplare bis vor wenigen Jahren in der Nähe der Grundmauern noch zu sehen waren, sind mittlerweile verschwunden und gehören der Geschichte an. Welche Sorten in dieser stattlichen Höhenlage noch verwertbares Obst lieferten, ist, wie vielerorts auch, nicht bekannt oder nur noch bruchstückhaft zu erahnen. Niemand hielt es für wichtig, dies zu dokumentieren, wie alles andere auch zur damaligen Natur und Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt, das uns heute so sehr interessieren würde.
Andererseits, wenn man ehrlich ist, hat die „Auslöschung“ dieses Ortes auch seine positiven Seiten. Wir dürfen hier und an weiteren Orten auf dem böhmischen Teil des Erzgebirgskammes, wo es eine analoge Entwicklung gab, eine Flora und Fauna in Augenschein nehmen und bestaunen, die man auf sächsischer Seite derzeit vergeblich sucht. Und wir dürfen getrost annehmen - auch wenn sich die Gegebenheiten in der Landschaft in Tschechien nach dem 2. Weltkrieg und auch in den letzten Jahrzehnten allgemein anders entwickelt hat als in Deutschland -, dass die Tier- und Pflanzenwelt dieses ehemals von deutschen Bewohnern geprägten Landstrichs heute eine völlig andere wäre, wenn die Vertreibung oder Aussiedlung der Deutschen nicht stattgefunden hätte. Eine sehr extensive Art der Beweidung, die es in dieser Form vermutlich nicht gäbe, ist heute die Hauptnutzungsform auf einem Großteil der Fluren der ehemaligen Ortschaften und dies ermöglicht einer Vielzahl von Pflanzen- und Tierarten eine Existenz, die in weiten Teilen Deutschlands und auch im sächsischen Erzgebirge weitgehend das Feld geräumt haben. Eine von ihnen wollen wir noch etwas näher kennenlernen.

Die Bekassine oder
Von „Ziegen“ am Himmel

Bekassine

Foto: Jan Gläßer

„Gelegentlich spricht man von der Bekassine als von einer Himmelsziege. Während der Balzzeit stürzt sich der Hahn aus großer Höhe herab. Dabei werden die 14 äußeren Schwanzfedern einzeln abgespreizt und der Wind ‚harft‘ durch sie hindurch, was ein dem Meckern einer Ziege ähnlichem Geräusch ergibt.
Von der ‚Himmelsziege‘ als Spottname für eine zänkische Frau zu der Bezeichnung ‚alte Schnepfe‘ ist es nicht weit, wurden doch vor allem von Studenten die ‚Damen des horizontalen Gewerbes‘ wegen ihres herausfordernden Hüftschwungs mit dem beim Laufen deutlich wackelnden Hinterteil einer Schnepfe verglichen.“
Ulrich Völkel, „Heimische Tiere. Vögel. Geheimnisvolle Namen, Leben und Mythos“

Ziegen am Himmel? Was für ein Märchen wird uns denn hier erzählt, wird sich so mancher fragen, wenn er die Überschrift dieses Exkurses liest. Aber der Ursprung des Namens, der nicht etwa das Resultat einer besonders ungewöhnlichen Stimme ist, wurde uns im einleitenden Zitat ja schon glaubhaft erklärt. Instrumentallaut nennt man so etwas in der Vogelkunde übrigens. Es gibt also nicht nur begnadete Sänger unter den Vögeln, sondern auch außerordentlich begabte Musikanten.
Die in Anlehnung an die Kuh des kleinen Mannes entstandene Bezeichnung ist etwas aus der Mode gekommen. Nur einige ältere Herrschaften wissen auch heute noch sofort, von wem da die Rede ist und können eher mit dem Begriff Bekassine wenig anfangen, unter dem dieser bemerkenswerte Vogel heutigentags firmiert. So ändern sich die Zeiten.
Aber im Grunde ist es auch eher nebensächlich, unter welchem Namen der kleine Schnepfenvogel seine Kunststücke vorführt, denn er ist bis auf wenige Reliktvorkommen aus dem sächsischen Erzgebirge verschwunden und seine Aufführungen finden kaum noch statt. Ein wenig Aufschluss über die Ursachen gibt uns ein Kurzporträt der Art:
Bei uns von März-Oktober, Kurzstreckenzieher, auch Überwinterungen im Tiefland.
Liebt Hoch- und Flachmoore, Feuchtwiesen, Weiden mit sumpfigen Stellen.
Bodennest, 1 Jahresbrut, 4 Junge , April/Mai.
Ernährt sich von Kleintieren des oberen Bodens wie Schnecken, Regenwürmer usw. (Sondierer), etwas Pflanzenmaterial.
Die Bekassine braucht also feuchte Lebensräume, die ihr die Nahrungssuche im Boden mit ihrem langen Schnabel gestatten und dem stetigen Verlust an solchen Flächen haben wir es hauptsächlich zu verdanken, dass wir sie an den Rand des Aussterbens gebracht haben. Erschwerend kommen jetzt noch die klimatischen Veränderungen hinzu, die sich in den letzten Jahren vermehrt zeigen. Jede Art der Trockenlegung von Feuchtflächen sollte also bei Todesstrafe verboten werden.  Leider immer noch nichts weiter als ein schöner Traum, wenn man offenen Auges durch die Landschaft geht, selbst in manchen Schutzgebieten (siehe Ausflug 4).
Im sächsischen Westerzgebirge ist der liebenswerte Schnepfenvogel schon seit einigen Jahren kein Brutvogel mehr und gibt nur noch zur Zugzeit ab und an ein kurzes Gastspiel.
In Sauersack/ Rolava allerdings schwirrt er einem in der Morgen- und Abenddämmerung noch um die Ohren. Man sieht ihn kaum, nur eine Art wandernden Schatten. Wenn er uns so um den Kopf tanzt, glaubt man zuweilen, dass er uns ein wenig zum Narren halten und mit uns spielen will, trotz all der Schandtaten, die wir ihm antun. Aber eigentlich reicht auch schon dieses eigenartige, meckernde Geräusch schon vollkommen aus, um uns in seinen Bann zu ziehen.

Bekassine

Foto: Jan Gläßer