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Biologische Vielfalt im Westerzgebirge
Ausflug 4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Biologische Vielfalt im Westerzgebirge

Ausflug 4: Am Steinberg bei Zschorlau
Vom Wandel der Feldflur

„Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel! Sei mir, Sonne, gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint.“
Friedrich Schiller (1759-1805), aus Ingolf Natmessnig, „Grenzgänge. Vom Leben an der Baumgrenze“

Das „Inventar“ in der Landschaft und damit auch ihr Bild hat sich auch im Westerzgebirge in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt. Weniger hinsichtlich des Anteils und der Verteilung von Wald und Offenland, obwohl es schon merkliche Verschiebungen in Richtung Wald gibt und vor allem in höheren Lagen einige schwerer zu bewirtschaftende Flächen aufgeforstet wurden. Auch das äußere Bild der Wälder hat sich kaum verändert, sondern nur bei genauerem Hinsehen wird im Inneren der angestrebte Umbau von den Fichtenmonokulturen zu den gemischten Wäldern erkennbar. Auch die Städte und Dörfer dehnen sich auf Kosten des Offenlandes merklich aus, zwar bei Weitem nicht so gravierend wie insbesondere in großstadtnahen Regionen, aber durchaus nicht zu übersehen. Die einschneidendsten Veränderungen jedoch finden im Offenland statt. Dort hat sich angesichts der strukturellen und technologischen Entwicklungen in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten ein gravierender Wandel vollzogen, der sich auch im Landschaftsbild deutlich widerspiegelt. Folgerichtig ist der Umbruch in den unteren und mittleren Lagen am auffälligsten, denn dort ist der Anteil an Offenland beträchtlich höher als in der Kammregion.

Ein anschauliches Beispiel für diese Entwicklungen liefert der Steinberg bei Zschorlau, der sich im Übergangsbereich befindet zwischen der vergleichsweise intensiven Landbewirtschaftung in den unteren Lagen mit einem hohen Anteil an Ackerbau und der fast ausschließlichen Grünlandwirtschaft in den Kammlagen, wobei aber dort die Intensität der Bewirtschaftung je nach den örtlichen Gegebenheiten durchaus beträchtlich variieren kann. Deshalb wollen wir diesen interessanten Berg, gelegen zwischen den Orten Zschorlau, Albernau und Burkhardtsgrün, einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Steinberg bei Zschorlau

Blick zum Kleinen Steinberg, Foto: Matthias Scheffler

Der Steinberg zeichnet sich unter den Bergen ringsum durch seine ebenmäßige Kegelform aus, von welcher Seite man ihn auch betrachtet. Er ist Bestandteil des Eibenstocker Granitmassivs und besteht aus einem feinkörnigen Turmalingranit, der in der grobkörnigeren Hauptmasse des Granits wiederholt in Stöcken oder in Gangform großen Ausmaßes eingeschaltet ist. Entwässert wird der Steinberg durch den Seifenbach auf der Zschorlauer, den Tiefenbach auf der Albernauer und den Steinbach auf der Burkhardtsgrüner Seite.
Im Grunde genommen reden wir über eine Art Zwillingsberg Dabei ist der 753 Meter hohe Große Steinberg, der im Süden und Osten relativ steil zur Zwickauer Mulde hin abfällt, ähnlich wie der Auersberg weitgehend bewaldet, wobei die Fichtenwälder dominieren. Im Gegensatz dazu ist beim 684 Meter hohen Kleinen Steinberg, der nach allen Seiten relativ flach abfällt, eigentlich nur die Kuppe mit Fichtenwäldern bedeckt, der Anteil der offenen Bereiche also sehr hoch und gerade diese offenen Bereiche sind es, die den Kleinen Steinberg viel interessanter, abwechslungsreicher und attraktiver machen als seinen größeren Nachbarn, der sich sozusagen mit monotonen Waldungen als „Kleidung“ begnügen muss. Zugegebenermaßen kann man das auch anders sehen.
Der nördliche Bereich nach Zschorlau hin wird derzeit in sehr unterschiedlicher Art und Weise landwirtschaftlich genutzt. Das Spektrum reicht von extensiver Mutterkuhhaltung bis hin zu  intensiver Grünlandwirtschaft und Ackerbau in vielerlei Schattierungen. Die Zahl der Landnutzer wird gemäß dem allgemeinen Trend immer kleiner, die Schläge immer größer, Rand- und Saumstrukturen wie Raine, Weg- und Feldränder, Altgrasinseln sind fast komplett verschwunden. Jeder Quadratmeter wird genutzt. Allerdings ist bei den Hecken und Feldgehölten eher eine gegenläufige Entwicklung festzustellen. Noch nie gab es in den vorigen Jahrhunderten so viele Hecken und Feldgehölze wie derzeit, wie alte Postkarten und Gemälde belegen.

Zschorlau 1930

Blick vom Kleinen Steinberg 1930, Sammlung Karsten Kircheis

Zschorlau heute

Blick vom Kleinen Steinberg heute. Foto: Matthias Scheffler

Zum einen beruht dies wohl darauf, dass sie früher zur Holznutzung verwendet wurden, was heute eher selten noch der Fall ist. Deshalb sind viele der ehemaligen Strauch- und Niederhecken zu Baumhecken durchgewachsen, die natürlich auch mehr ins Auge fallen. Wichtig ist allerdings auch, dass es Landschaftspflege- und Naturschutzverbänden in den letzten Jahren recht gut gelungen ist, die Feldflur mit Hecken, Feldgehölzen und Strauchgruppen anzureichern und aufzuwerten.
Diese Veränderungen in Landnutzung und Landschaftsstruktur hat zu einem eklatanten Ab- und Umbau der Pflanzen- und Tierwelt geführt. Die Unterschiede in der Landschaftsstruktur werden an den Abbildungen recht gut sichtbar. Die Veränderungen in der Tierwelt sollen am Beispiel der Vogelwelt nur kurz skizziert werden: Eindeutige Verlierer sind die Feldvögel. Solche Arten wie Rebhuhn, Braunkehlchen und Wiesenpieper sind völlig verschwunden, Feldlerche, Star, Wachtel, Rauch- und Mehlschwalbe halten in zumeist kümmerlichen Resten die Stellung. Wie lange noch, steht in den Sternen. Gewinner sind die Heckenbewohner.

Beweisung auf dem Steinberg bei Zschorlau

Beweidung mit Schottischen Hochlandrindern, Foto: Matthias Scheffler

Die aus Naturschutzsicht bei weitem wertvollsten Bereiche im Steinberggebiet sind die Offenlandbereiche, die sich am Osthang des Kleinen Steinbergs in Richtung Albernau erstrecken. Nicht ohne Grund gehören sie als Teil des FFH-Gebietes „Steinbergwiesen und Seifenbachtal“ dem europäischen Schutzgebietsnetz NATURA 2000 an und sollen in naher Zukunft auch als Naturschutzgebiet unter Schutz gestellt werden. Wunderschöne Mähwiesen, Borstgrasrasen, Feuchtwiesen, Kleinseggenriede und verschiedene Kleingewässer geben diesen wertvollen Flächen ihren Charakter. Hauptgrund, dass sich diese wertvollen Grünlandareale bis heute erhalten konnten, ist, dass große Teile der Steinbergwiesen in einem Wasserschutzgebiet liegen und deshalb schon viele Jahre nur extensiv genutzt werden durften, also ohne mineralische Düngung und Einsatz von Pestiziden. Ergebnis dessen ist eine erstaunliche Vielfalt an botanisch sehr wertvollen und vielfältigen Biotopen in einer in Summe durchaus ansehnlichen Flächengröße.
Leider muss aber auch festgestellt werden, dass die vergleichsweise durchaus extensive Nutzung bzw. Pflege zwar ausreichend scheint, die floristische Vielfalt weitgehend aufrecht zu erhalten. Für die Fauna trifft dies allerdings leider nicht zu. Die Insektenfauna ist nicht mehr mit der vor einigen Jahren vergleichbar, Amphibien gehen stark zurück, Wiesenbrüter wie Braunkehlchen, Wiesenpieper und Bekassine brüten seit geraumer Zeit nicht mehr am Osthang des Steinbergs. Dabei ist der Steinberg durchaus keine Ausnahme, sondern die Regel in der Region und weit über sie hinaus und macht eben auch vor Schutzgebieten nicht halt. Erinnert sei nochmals an die Krefeldstudie, die uns im Jahr 2017 mit ihren erschreckenden Zahlen zum Rückgang der Fluginsekten in Schutzgebieten von mehr als 75 Prozent in den letzten 27 Jahren aufschreckte. Wie weiter oben schon ausführlicher ausgeführt brüten von den eben genannten Wiesenbrütern im gesamten sächsischen Westerzgebirge derzeit nur noch wenige Brutpaare des Wiesenpiepers auf den Wiesen und Weiden um Carlsfeld. Die Brutvorkommen der anderen Arten sind erloschen. 
Diese Entwicklung wird am Ende, wenn überhaupt, nur gestoppt oder sogar umgekehrt werden können durch eine grundsätzliche Wende der Agrarpolitik hin zu einer extensiven und ökologischen Bewirtschaftung der Flächen, die schleunigst wegführt von einer Vergiftung und Überdüngung der Landschaft und einer Ruinierung der Böden im Rahmen der derzeit immer noch weit dominierenden intensiven landwirtschaftlichen Nutzung, die selbst extensiv und ökologisch bewirtschaftete Flächen und Schutzgebiete negativ beeinflusst. Trotz einiger Fortschritte und jahrzehntelanger kontroverser Diskussionen auf allen politischen Ebenen scheinen wir davon immer noch weit entfernt. Auch der stetige Rückgang der Weidetierhaltung muss mit Sorge gesehen und durch eine umfassende Förderung extensiver Weidesysteme in vielfältigen Formen beendet werden.
Aber selbst die durchaus vorhandenen Möglichkeiten zur Einflussnahme in Schutzgebieten, die es ja durchaus gibt, sollte man zumindest meinen, lassen manchmal zu wünschen übrig, wie auch das Beispiel Steinberg zeigt.  Immer noch wird in Teilen des Gebietes durch viel zu tiefe Gräben zu stark entwässert und nach der Grünlandbeerntung findet sich kaum ein Halm mehr auf der Fläche und damit fehlen u.a. die so notwendigen Nahrungs- und Überwinterungsmöglichkeiten für Insekten. Und es werden weiterhin wertvolle Flächen zerstört. Das krasseste Beispiel dazu ist ein kürzlich im FFH-Gebiet errichtetes Bauwerk mit Verlusten wertvoller Nassflächen und gravierenden Auswirkungen auf den Wasserhaushalt im Umfeld. Eigentlich kaum zu fassen und trotzdem kein Märchen.

Entwässerung

Entwässerungsgräben, Foto: Matthias Scheffler

Heuernte

Alles auf einen Riit, Foto: Matthias Scheffler

Teich

Ganz private "Badewanne", Foto: Matthias Scheffler

Und so durchstreift man sie am Ende mit einem lachenden und einem weinenden Auge, die Flächen am Fuße des kleinen Steinbergs, freut sich, dass es solche Flächen überhaupt noch gibt angesichts der Einförmigkeit und Ödnis in weiten Teilen der Agrarlandschaft, ist begeistert von der Buntheit und Vielfalt der Pflanzenwelt und muss zugleich traurigen Herzens die herben Verluste in der Tierwelt zur Kenntnis nehmen, die auch hier früher erheblich mannigfaltiger war.